Früchte im Durchlicht

Sigma 105mm F2.8 DG DN MACRO | Art
Von Tilo Gockel

Fotos auf einem Leuchttisch sind zuverlässige Hingucker. Seht hier, wie ihr euch selbst einen Leuchttisch aufbauen könnt und welche kleinen Kniffe drumherum noch nützlich sind.

 

1. Ideenfindung, Farbe und Form

 

Am Anfang steht die Überlegung, welche Früchte fotogen sein könnten. Wieder bietet sich Pinterest an, und mit den folgenden Suchbegriffen werde ich fündig: Fruits Lightbox; Früchte Durchlicht, Früchte Leuchttisch, Früchte Leuchtpult.Die Ananas sehen toll aus, aber sie sind zu groß für meinen Leuchttisch. Kiwis scheinen gut zu funktionieren und interessant zu wirken. Auch die Äpfel sind fotogen, aber da wären in meinen Augen Birnen noch interessanter. Als Farbpalette merke ich mir warmes Kiwi-Grün und analoges Orangegelb, vielleicht noch ergänzt durch ein paar kleine rote Farbtupfer von Johannisbeeren. Auf die Einkaufsliste kommen Birnen, Kiwis und Johannisbeeren.

Ein Pinterest-Moodboard liefert uns schnell interessante Bildideen.

2. Licht

 

Die Requisiten und die Szene stehen fest, nun geht es an den Leuchttisch. Man könnte hier auf die Idee kommen, ein sogenanntes Leuchtpult zu kaufen, aber tatsächlich geht es auch einfacher. Wenn ihr bereits einen starken LED-Strahler besitzt, könnt ihr daraus eure eigene Beleuchtung bauen.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand:

 

  1. Die modernen LED-Dauerlichtstrahler haben einen hohen sogenannten Color Rendering Index und damit eine gute Farbqualität. Das von mir verwendete LED-Videolicht Sirui C300X II 300W hat einen CRI > 95 und ist damit nahe am Maximum von 100.
  2. Die Strahler sind viel heller als herkömmliche Leuchtpulte. Das erleichtert das Fotografieren und macht auch Aufnahmen aus der Hand problemlos möglich.
  3. Wenn der Strahler bereits vorhanden ist, braucht ihr nur zwei Plexiglasplatten aus dem Baumarkt und einen kleinen Diffusor. Der hohe Anschaffungspreis für das Leuchtpult entfällt.

 

In der Tabelle seht ihr den Aufbau des Leuchttischs von oben nach unten.

 

Komponente Anmerkung

Acrylglasplatte 500 mm x 300 mm x 5 mm

 

Abstandshalter (zwei Bücher)

 

Scheibenreflektor 60 cm Durchmesser, rund 

Wir benötigen davon den Diffusor-Einsatz.

Acrylglasplatte wie oben

 

Parabolreflektor mit Bowens-Bajonett

Der Parabolreflektor ist beim Sirui-LED-Videolicht dabei.

LED-Videolicht Sirui C300X II 300W

 

Backofengitter

Beim Sirui-LED-Videolicht sitzen die Kühlschlitze an der Rückseite. Ohne das Gitter als Abstandshalter überhitzt er schnell.

Der selbstgebaute Leuchttisch hat als Basis einen starken LED-Strahler von Sirui.

Der Abstandshalter aus den zwei Büchern hat den Sinn, die Gewebestruktur des Diffusors in der Unschärfe verschwinden zu lassen. Ihr solltet je nach Abstand und Vergrößerung kontrollieren, ob die Schärfentiefe ausreichend gering ist, ob also die Struktur auch wirklich nicht mehr zu sehen ist. Wenn nicht, müsst ihr die Blende weiter öffnen oder den Aufnahmeabstand verringern.

 

Warnhinweise

  • Es reicht aus, den LED-Strahler auf 25% der Maximalleistung zu stellen. Selbst auf dieser Einstellung wird er über die Zeit merklich heiß. Ihr solltet den Aufbau nie unbeobachtet lassen und auch immer wieder kontrollieren, ob die Hitzeabstrahlung in Richtung Tisch nicht zu stark wird.
  • Der Strahler ist so hell, dass man sich damit wie beim Lichtbogenschweißen die Augen verblitzen kann. Vermeidet, direkt ins Licht zu schauen. Ich würde daher auch vom Einsatz einer Spiegelreflexkamera abraten. Bei einer Spiegellosen ist die Gefahr nicht gegeben.

Der Leuchttisch im Einsatz.

4. Einstellungen und Aufnahme

 

Für die Aufnahmen verwende ich eine Sony A7IV mit einem Makroobjektiv Sigma 105 mm F2.8 DG DN Macro | Art. Die Blende ist auf 5,6 eingestellt.

 

Sony A7IV, Makroobjektiv Sigma 105 mm F2.8 DG DN Macro | Art; Brennweite 105 mm, Blende 5,6, Belichtungszeit 1/500 Sekunde, ISO 100, M-Modus, Weißabgleich auf Automatik. Ablage der Bilder im JPEG-Format. Fotos ohne Stativ, aus der Hand fotografiert.

 

Zur Objektivwahl | Das gewählte Makroobjektiv von Sigma eignet sich für solche Aufnahmen besonders gut, weil es durch die optische Vergütung der Frontlinse und durch die lange Gegenlichtblende außergewöhnlich unempfindlich gegenüber Streulicht oder Gegenlicht ist. Darüber hinaus verhilft der optische Aufbau aus 17 Elementen in 12 Gruppen der Optik zu perfekter Schärfe und angenehm weichem Bokeh. Das Glas ist für L-Mount und Sony E-Mount verfügbar.

 

Zur Lichtquelle | Dank der starken LED-Lichtquelle von Sirui sind die Aufnahmen problemlos auch aus der Hand möglich. Wer dennoch ein Stativ einsetzt, hat aber den Vorteil, dass er die Kamera perfekt parallel zum Leuchttisch ausrichten kann (zum Beispiel mit einer Wasserwaage im Blitzschuh). Am Ende des Kapitels 1.5 „Die Szene fotografieren“ seht ihr eine Stativlösung für solche Überkopf- oder Top-View-Aufnahmen.

Sigma 105 mm F2.8 DG DN Macro | Art

5. Bildbearbeitung

 

Im Screenshot aus Photoshop seht ihr links das Ausgangsbild direkt aus der Kamera. Das erste kleine Problem ist, dass das Kiwipüree zu stückig war (ich habe einfach das Fruchtfleisch mit der Gabel zerdrückt). So sind störende, helle Stellen entstanden. Die schnelle Abhilfe ist, eine Farbfläche mit hellem Grün einzufügen, das Foto im Ebenenstapel darüber zu platzieren und den Ebenenmodus auf Dunklere Farbe zu stellen.

 

Weiterhin sind die Motivbestandteile unterschiedlich transparent. Das Kiwipüree und die Johannisbeeren lassen viel mehr Licht hindurch als die Birne. Man sollte entsprechend die unterschiedlichen Motivbestandteile getrennt bearbeiten. Ich lege mir für jeden Motivbestandteil eine Ebenenkopie an und starte dann jeweils Filter > Camera Raw (merke: das funktioniert auch hier auf einem JPEG). Am Ende füge ich zu den Ebenen schwarze Masken hinzu und hole mit einem weichen weißen Pinsel nur noch den jeweiligen Motivbestandteil hervor. Der Ablauf dieser mehrfachen Raw-Entwicklung klingt aufwändig, ist aber mit ein wenig Übung in fünf bis zehn Minuten erledigt.

Figure Vorher-/Nachhervergleich und der in Photoshop entstandene Ebenenstapel.

Im zweiten Foto seht Ihr die gleiche Bildidee mit einer anderen Birne und einer etwas wärmeren Farbgebung.

6. Dies und Das

 

Wenn man LED-Leuchten wie die Sirui in ihrer Leistung abregelt, werden die LEDs gepulst betrieben. Im Zusammenspiel mit dem Kameraverschluss kann das zu Problemen führen, und es erscheinen dann Streifen im Bild (man spricht von Banding). Besonders problematisch sind die langsamen digitalen Verschlüsse, die fast immer als Rolling Shutter ausgeführt sind. Dann hilft die Umstellung auf den klassischen, mechanischen Verschluss. Aber selbst beim mechanischen Schlitzverschluss kann es zu Banding kommen, wenn die Verschlusszeit zu kurz gewählt ist. Ich selbst habe Banding einmal bei einer Canon EOS 6D Mark II beobachtet, bei einer Belichtungszeit von 1/4.000 Sekunde. Die einfache Abhilfe ist, die Belichtungszeit länger zu wählen. Bei der Canon ist der Effekt bei 1/500 Sekunde verschwunden.

ABOUT

Wildlife- und Outdoorfotograf

Tilo Gockel hat in Karlsruhe in der Bildverarbeitung promoviert, bereits mehrere Fachbücher zur Fotografie veröffentlicht und hält seit Jahren die zweiteilige Fotografie-Vorlesung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. Er fotografiert und schreibt für die Magazine digit!, fotoMAGAZIN, PHOTOGRAPHIE, DOCMA, c‘t Digitale Fotografie und DigitalPHOTO. Auf seinem Blog Fotopraxis.net informiert er rund um die Fotografie, die Bildbearbeitung und mittlerweile auch die KI, gibt viele Tricks weiter und schneidet auch gerne einmal alte Zöpfe ab.