Großartiges Bokeh für ausdrucksstarke Bilder

Sigma 135mm F1.4 DG | Art
Von Tilo Gockel

Sie sind auf der Suche nach der perfekten Freistellung, auch für Ganzkörperportraits? Sie fotografieren Sport-Events oder Theaterbühnen? Oder Sie fühlen sich in der freien Natur wohl und lieben Nahaufnahmen von unseren gefiederten Freunden? Sie sind süchtig nach hoher Lichtstärke und bestem Bokeh? Dann dürfte die neue 135er-Festbrennweite von Sigma genau das Richtige für Sie sein.

 

Das weltweit erste 135mm F1.4 mit Autofokus

 

Die Reihe der klassischen Festbrennweiten lautet 24, 35, 50, 85, 105 und (Trommelwirbel) … 135 mm. Über die Jahre habe ich sie alle kennengelernt, und auch eine längere Zeit ein 135 mm f/2.0 genutzt. So kann ich sagen, dass Objektive mit 135 mm Brennweite etwas Besonderes sind. Sie bieten bezahlbar eine besonders gute optische Qualität und sind außergewöhnlich gut geeignet, Motive vom Hintergrund zu isolieren oder „freizustellen“. Und sie sind hinsichtlich des Aufnahmeabstands und des Gewichts besser handhabbar als ein Glas mit 200 mm.

 

Bekannte Klassiker mit dieser Brennweite sind das Canon EF 135 f/2.0L USM, das 1996 auf den Markt kam, und dessen Äquivalent, das Nikkor 135 f/1.8. Doch diese Objektive sind mittlerweile etwas in die Jahre gekommen. Zhongyi Optics hat dann 2016 das Mitakon Speedmaster herausgebracht, das wie das aktuelle Sigma mit den Kenngrößen 135 mm und Lichtstärke 1,4 aufwartet, allerdings keinen Autofokus besitzt. Sigma hat 2017 die Brennweite mit dem 135 mm F1.8 DG HSM Art vorgestellt und jetzt mit einer neuen Version mit Lichtstärke 1,4 nochmals nachgelegt. Das Sigma ist somit weltweit das erste Produkt mit dieser Brennweite, dieser extremen Lichtstärke und mit Autofokus.

Sigma 135mm F1.4 DG | Art

1/6.400s - F1.4 - ISO 80

Die Eckdaten des 135mm F1.4 DG | Art

 

Die technischen Daten des 135er lassen aufhorchen und beweisen viel Liebe zum Detail (siehe die Tabelle). So wurden in der Festbrennweite sage und schreibe 17 Einzellinsen verbaut, von denen 6 Sonderbauformen sind (asphärisch und low dispersion). Die Blende überrascht mit 13 Lamellen und erzeugt damit auch abgeblendet nahezu kreisrunde Zerstreuungskreise.

Mit 17 Linsenelementen in 13 Gruppen und mit einem Filterdurchmesser von 105 mm an der Frontlinse kommt das Sigma aufwändig daher. Da relativiert sich auch das Gewicht von 1.430 Gramm.

Die von uns verwendete Sony A7 bietet intern mehrere Optionen, um die Restfehler des Objektivs zu kompensieren. Im Detail sind dies die Vignettierungskorrektur, die Korrektur der chromatischen Aberration und die Kompensation der kissen- oder tonnenförmigen Verzeichnung. Wer Objektive bewerten möchte, sollte diese Mechanismen auch anschalten, weil die modernen Objektive exakt in Hinblick auf diese Algorithmen entwickelt wurden.

 

Es wäre aufwändig, die Vignettierung optikseitig zu reduzieren. Softwareseitig ist diese Kompensation aber einfach. So bleibt den Herstellern mehr Freiraum, das optische System in jenen Fehlern zu optimieren, die algorithmisch schwer zu korrigieren sind. Und dann ist vor dem ersten Einsatz ein Firmware-Update für Objektiv und Gehäuse ratsam. Bis dato liegt aber für die Sony-Version noch keine neue Firmware-Version vor.

Sigma 135mm F1.4 DG | Art

1/2.500s - F1.4 - ISO 80

Sigma 135mm F1.4 DG | Art

1/2.500s - F1.4 - ISO 80

Ab in die Praxis

 

Für die Testfotos sind wir in den Frankfurter Osthafen gefahren, haben das Objektiv auf Blende 1,4 fixiert und dann ausschließlich offenblendig verwendet – wer öfters abblendet, könnte auch mit der preisgünstigeren 1,8er-Version glücklich werden. Auch komplett offen ist die Schärfe bereits sehr gut, und die unscharfen Bereiche sowie die Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe sind angenehm weich. Das Handling ist ausgezeichnet, und der Autofokus lässt in puncto Geschwindigkeit und Treffsicherheit nichts vermissen.

 

Die Qualität der Unschärfe, mittlerweile landläufig Bokeh genannt, lässt sich nur schwer messtechnisch ermitteln. Wenn man sich die Zerstreuungskreise in der Illustration ansieht, kommt man aber doch auf einen gemeinsamen Nenner. Letzten Endes wird man nur den idealen, weichen Kreis ganz rechts als perfektes Bokeh bezeichnen (7).

 

Die Zerstreuungskreise, die das neue Sigma liefert, kommen diesem Ideal sehr nahe. Wenn Motiv und Licht stimmen, vermitteln die Bilder durch das weiche und stimmige Bokeh ein fast schon holografisches Flair. In Sachen Freistellung überholt das neue Objektiv die genannten Klassiker – die hohe Lichtstärke zahlt sich tatsächlich aus.

Zerstreuungskreise: 1: zu kleiner Unschärfekreis und damit zu dezenter Bokeh-Effekt, 2: eckiger Kreis, 3: angeschnittener Kreis, 4: durch zwei kreisförmige Anschnitte verformter Kreis, 5: zu scharf abgegrenzter Kreis, 5: Kreisfläche mit Zwiebelringstruktur, 7: perfekter Kreis mit weichem Rand. Kreis Nummer 7 wird gemeinhin als perfekter Zerstreuungskreis angesehen.

Fazit

 

Das Sigma ist aktuell weltweit das erste 135er mit einer Lichtstärke von 1,4 im Verbund mit Autofokus. Es ist hochwertig konzipiert und gefertigt. Videografen freuen sich über die rastfreie Blende. Landschafts- und Tierfotografen genießen die hohe Abbildungsqualität, Sport-, Event- und Hochzeitsfotografen nutzen wiederum die hohe Lichtstärke und den schnellen und treffsicheren Autofokus. Das Objektiv ist hochgezüchtet und damit nicht gerade ein Allrounder. Wer beispielsweise Hochzeiten fotografiert, braucht natürlich noch zwei, drei universellere Linsen in der Tasche, hat aber mit dem 135er auch das Glas für den ganz besonderen Look: die Fotos werden später aus der Fotoserie herausstechen und in Erinnerung bleiben.

ABOUT

Wildlife- und Outdoorfotograf

Tilo Gockel hat in Karlsruhe in der Bildverarbeitung promoviert, bereits mehrere Fachbücher zur Fotografie veröffentlicht und hält seit Jahren die zweiteilige Fotografie-Vorlesung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. Er fotografiert und schreibt für die Magazine digit!, fotoMAGAZIN, PHOTOGRAPHIE, DOCMA, c‘t Digitale Fotografie und DigitalPHOTO. Auf seinem Blog Fotopraxis.net informiert er rund um die Fotografie, die Bildbearbeitung und mittlerweile auch die KI, gibt viele Tricks weiter und schneidet auch gerne einmal alte Zöpfe ab.