Makrofotografie mit Kaffebohnen
Sigma 105mm F2.8 DG DN MACRO | Art
Sigma 24–70mm F2.8 DG DN II | Art
Von Tilo Gockel


Stellt Euch vor, Ihr macht Food-Fotos für den Kalender eines Kaffeeproduzenten. Die Aufnahmen zur Ernte, Details zum Rösten und so weiter habt Ihr schon zusammen, aber es fehlen noch ein paar Schmuckbilder. Gemeint sind Bilder, die einfach schön anzuschauen sind, ohne dass sie allzuviel Information transportieren. Bei Kaffeebohnen bieten sich Makrofotos von der Bohne, vom Pulver und von der Crema auf dem Espresso an. Seht hier, wie Ihr solche Makros beleuchten und aufnehmen könnt.
1. Ideenfindung, Farbe und Form
Mir schweben Fotos vor, die die gerösteten Bohnen, das Pulver und die Crema ganz nah zeigen. Für ein paar konkrete Ideen zu Farbe und Form starte ich Pinterest und gebe ein coffee macro. Dann stelle ich mir ein Moodboard zusammen, das die Kompositionsregeln, den Farbkreis und eine Farbpalette enthält. Und dann füge ich dort passende Makrofotos ein –Makros von den Bohnen, vom Milchschaum, von der Crema und von Tropfen, die in Kaffee fallen. Die Farbwelt ist fast durchgängig warmund in analogen Tönengehalten. Aber es kommt auch ein Warm-Kalt-Kontrast infrage. Als mögliche Form merke ich mir eine eher asymmetrische Anordnung mit etwas Freiraum rechts oder links.


Das Moodboard für die Kaffeebohnen enthält wieder Farbkreis, Farbpalette, Gestaltungsspicker, Ideen für Szenen und einen Notizzettel.
2. Szene und Licht
Im Moodboard sammle ich nach und nach Bildideen zu einer eher rustikalen Szene. In meinen Augen sollten die Fotos nicht sonnig-hell, sondern eher etwas dunkler und gedeckter sein. Ein steiniger, körniger Untergrund könnte infrage kommen. Die erste Tasse im Board, aus weißem Porzellan, ist zu hell, zu alltäglich, aber die zweite Tasse macht sich gut. Ich suche mir aus dem Fundus ein paar Steine und einen schönen, asiatischen Teebecher heraus und baue dann auf einem alten Backblech die Szene auf.
Als Licht kommen zwei mit Tape zusammengefasste LED-Lampen zum Einsatz. Das Produkt, die Metz Mecalight S500, ist schon ein wenig in die Jahre gekommen und kaum mehr erhältlich. Jedes andere Mini-LED-Panel taugt aber genauso gut (fast baugleich ist zum Beispiel die Smallrig P96L). Die LED-Panels haben meist auch 1/4-Zoll-Gewinde, um sie auf einem Stativ montieren zu können. Bei mir war aber noch der Tablet-Halter auf dem Stativ, und so habe ich die Leuchten einfach dort eingespannt (Halter: SunwayFoto PC-03, Kugelkopf: Neewer GM28). Bei den LED-Leuchten kann man die Farbtemperatur und die Lichtstärke einstellen. Sie stehen bei mir auf 5.500 Kelvin und auf 25 bis 50 %.
Im Foto vom Aufnahmeplatz erkennt Ihr auch ein iPad. Die Kamera und das iPad sind über WLAN verbunden, und auf dem Pad läuft eime Imaging-Edge-Software. Für die Einrichtung des notwendigen Ad-Hoc-Netzwerks fotografiert man einmal mit der iPad-Kamera einen Matrixcode auf dem Display der Kamera, ansonsten ist der Vorgang selbsterklärend. Im Anschluss funktioniert die Übertragung schnell und recht stabil.
Ein kleiner Wermutstropfen bei dieser einfachen und kostengünstigen Lösung ist, dass die Bilder nur in kleiner Auflösung übertragen werden. Für die Sichtkontrolle reicht das aus, doch wer direkt in voller Auflösung nach Lightroom oder CaptureOne shooten möchte, braucht eine andere Lösung.


Der Aufnahmeplatz zeigt das Stativ, die Kamera mit dem 105er-Makroobjektiv, die Zweier-LED-Leuchte, das Kaffeebohnenmotiv, den Reflektor aus Aluminiumfolie gegenüber und das iPad zur sofortigen Kontrolle der Ergebnisse.
3. Makroausrüstung, Einstellungen und Aufnahme
Bisher haben wir für viele Fotos ein klassisches 24-70-Zoom am Vollformat verwendet. Einmal war das das Canon EF 24-70mm f/2.8L II, einmal das Sigma 24–70mm F2.8 DG DN II | Art. Beide Objektive haben eine Naheinstellgrenze von rund 40 cm, verbunden mit einem Abbildungsmaßstab von 1:4. Den Abbildungsmaßstab nennt man auch die „Vergrößerung“. Er besagt, wie groß ein Motiv auf dem Sensor abgebildet wird. Eine Walnuss mit einem Durchmesser von 24 mm wird bei Vergrößerung 1:4 auf einem Vollformatsensor 6 mm hoch abgebildet. Bei einer Vergrößerung von 1:1 füllt die Nuss den Sensor in der Höhe.
Mit dem Maßstab 1:4 sind schon ansehnliche Nahaufnahmen oder „Close-ups“ möglich, aber erst mit dem Maßstab 1:1 dringt man in den Makrobereich vor. Für eine Erweiterung des Zooms um Makrofähigkeit kann man Vorsatz-Nahlinsen oder Makrozwischenringe einsetzen. Dann verliert man allerdings die Möglichkeit, nach Unendlich zu fokussieren. Je nach Nahlinse oder Ring kann man dann nur noch in einem sehr kleinen Abstandsbereich arbeiten. Wenn man sich eine andere Vergrößerung wünscht, muss man die Linse oder den Zwischenring wechseln, was rasch lästig wird. Spezielle Makroobjektive weisen von Haus aus bereits eine Vergrößerung von bis zu 1:1 auf und können dennoch auch noch auf Unendlich fokussieren. Für extremere Vergrößerungen als 1:1 kann man auch hier wieder Zwischenringe einsetzen.
Die Einstellung der Belichtung geschieht im Makrobereich so wie immer, aber bei der möglichen Offenblende von um die 2,8 wird die erzielbare Schärfentiefe zu gering. Man wird daher, wann immer möglich, auf Blendenzahlen zwischen 8 und 16 abblenden. Auch tut sich bei den kurzen Abständen der Autofokus schwer. Man stellt dann auf den manuellen Fokus um und fokussiert mit der Hand auf der Basis des eingezoomten Liveview-Bildes. Ersatzweise bewegt man schlicht die komplette Kamera mit der Hand oder auf einem Schlitten vor und zurück.
Für die Kaffeefotos verwende ich folgende Technik mit folgenden Einstellungen:
Sony A7III mit Sigma 105mm F2.8 DG DN Macro Art. Blende 11, Belichtungszeit 1/8 Sekunde, ISO 200, M-Modus, Weißabgleich auf Automatik. Ablage der Bilder parallel in JPEG- und im Raw-Format. Manueller Fokus auf der Basis des eingezoomten Liveview-Bildes. Die Kamera steht auf einem Stativ und wird wackelfrei mit dem 5-Sekunden-Selbstauslöser ausgelöst.


Standard-Zoom-Objektive wie die klassischen 24-70er haben meist einen Abbildungsmaßstab von maximal 1:4. Spezielle Makroobjektive können auf 1:1 abbilden.
4. Die Ergebnisse
Alle Ergebnisse, die Ihr in diesem Kapitel seht, habe ich mit dem 105er-Makro von Sigma aufgenommen. Ihr kennt das Objektiv bereits aus Kapitel 1.5. Es ist vergleichsweise kostengünstig, robust, knackscharf und liefert ein schönes Bokeh. Erhältlich ist es für L-Mount und für Sony E-Mount. Für den Kapitelaufmacher habe ich das Objektiv noch nicht ganz ausgereizt. Der Abbildungsmaßstab beträgt dort rund 1:2 oder 1:1,5. Mit einem kräftigen Zuschnitt wäre diese Aufnahme auch mit einem 24-70er Zoom möglich, aber dann würden Auflösung und Qualität leiden.
Das Foto mit den drei Bohnen auf der Kaffeemühle ist dagegen im Maßstab 1:1 aufgenommen, jenes mit den drei einzelnen Bohnen auf dem Granit mit Zwischenringen.


Ein paar Kaffeebohnen auf der schicken Lambda-Mühle. Die Kaffeebohnen sind rund 10 mm lang. Mit diesem Wissen kann man abschätzen, dass wir hier am maximalen Abbildungsmaßstab des 105er Makroobjektivs angelangt sind. Er beträgt 1:1.
5. Die Splashes
Im Moodboard seht Ihr auch ein Bild mit einem Tropfen, der in Kaffee fällt – einen Coffee Splash. Für solche Fotos setzt man normalerweise einen Blitz ein, um die Bewegung einzufrieren und lässt dann die Tropfen durch eine Lichtschranke wie die Jokie von Eltima fallen. Damit wird fast jeder Schuss ein Treffer. Ich besitze auch eine Jokie, habe aber keine Zeit und Ruhe, sie anzuschließen. Der Aufbau aus Sync-Kabel, Blitz, Lichtschranke und dem zugehörigen Reflektor ist doch schon etwas aufwändiger. Es geht aber auch ohne Blitz und Lichtschranke. Wichtig ist nur die kurze Belichtungszeit. Annähernd scharf werden die Tropfen ab 1/500 Sekunde, doch die Kamera steht im Moment auf 1/8 Sekunde.
Was kann man tun, um auf die neue, sehr kurze Zeit zu kommen? Folgendes kann man umstellen:
1. Man kann beide Leuchten auf die maximale Leistung umstellen (womit leider auch die Akkus schnell leer werden). Das bringt geschätzt rund zwei Lichtwerte.
2. Man kann die Blende öffnen. Ich stelle von Blende 11 auf Blende 6,3, was fast zwei weitere Lichtwerte bringt.
3. Und man kann den ISO-Wert erhöhen. Ich stelle um von ISO 200 auf 800. Das bringt auch nochmals zwei Lichtwerte.
Damit hangeln wir uns sechs Lichtwerte hoch: 1/8 → 1/16 → 1/30 → 1/60 → 1/125 → 1/250 → 1/500 Sekunde. Tatsächlich stelle ich am Ende die Kamera doch noch 1/640 Sekunde anstatt auf 1/500, und wir brauchen auch noch einen Diffusor vor den Leuchten (siehe unten). Die Bilder werden damit zwar etwas unterbelichtet, aber ich belasse es dennoch bei der Einstellung. Bei den modernen, rauscharmen Sensoren ist es kein Problem, die Belichtung auch im Nachhinein noch anzupassen (die Aufnahme zu „pushen“).
Einstellung für die ersten Bilder
Blende 11, Belichtungszeit 1/8 Sekunde, ISO 200, 5-Sekunden-Selbstauslöser.


Wenn das LED-Panel als Gegenlicht auf eine reflektierende Oberfläche leuchtet, erkennt man jede einzelne Leuchtdiode. Abhilfe schafft ein Diffusor vor die Leuchte, im einfachsten Fall ein Stück Pergamentpapier.


Nun ist das LED-Panel mit etwas Pergament- oder Butterbrotpapier als Diffusor ausgestattet, und die Tropfen können kommen. Die andere Hand ist am Auslöser, die Kamera steht auf Serienbild. Für eine gelungene Aufnahme braucht man eine Serie von rund 15–20 Bildern.
Einstellung für die Splashes
Blende 6,3, Belichtungszeit 1/640 Sekunde, ISO 800, Handauslösung, Serienbildaufnahme, JPEG-Format. Die zwei Lampen stehen nun auf maximaler Lichtstärke. Ein Blatt Butterbrotpapier ist als Diffusor vor den Lampen angebracht, weil der Kaffee sonst in der Reflexion die einzelnen LEDs zeigen würde. Die Kamera ist manuell vorfokussiert auf jene Stelle, wo die Tropfen zu erwarten sind.
Bei den Splashes fotografieren wir direkt auf die reflektierende Kaffeeoberfläche. Hier sieht man dann leider in der Reflexion jede einzelne Leuchtdiode der Lampe. Abhilfe schafft ein Diffusor, zum Beispiel ein Blatt Butterbrotpapier, das man mit einer Klammer vor die Lampen spannt.
Für die Tropfen würde man normalerweise eine Pipette mit Kaffee einsetzen. Genauso gut taugt aber auch eine Maggiflasche. Erstens weil Maggi wie Kaffee aussieht und zweitens, weil man damit die Tropfen gut dosieren kann. Maggi ist auch sonst ein kleiner Universalschatz. Nicht nur schmeckt damit alles besser, weil es Glutamat enthält. Maggi taugt auch prima, wenn Ihr Whiskey oder Rum imitieren wollt. Gebt einfach ein paar Spritzer in ein Glas Wasser. Das Ergebnis sieht auf einem Foto genauso aus wie die teure Spirituose.


Wenn das LED-Panel als Gegenlicht auf eine reflektierende Oberfläche leuchtet, erkennt man jede einzelne Leuchtdiode. Abhilfe schafft ein Diffusor vor die Leuchte, im einfachsten Fall ein Stück Pergamentpapier.


Nun ist das LED-Panel mit etwas Pergament- oder Butterbrotpapier als Diffusor ausgestattet, und die Tropfen können kommen. Die andere Hand ist am Auslöser, die Kamera steht auf Serienbild. Für eine gelungene Aufnahme braucht man eine Serie von rund 15–20 Bildern.
6. Dies und das
Für das Foto vom Aufnahmeplatz habe ich die Gegenlichtblende abgenommen. Für die anschließenden Fotos habe ich sie aber wieder montiert, weil das Streulicht sonst gestört hätte. Ich fotografiere fast immer mit aufgesetzter Blende, weil sie dem Kontrast hilft und die Frontlinse schützt. Schutzfilter wie Skylight-Filter oder Polfilter verwende ich dagegen kaum. Solche Filter machen das Objektiv noch streulichtempfindlicher und verschlechtern den Kontrast und die Schärfe.
Und jetzt kommt noch zum Abschluss der Kontinent Afrika, mit Kaffeebohnen nachempfunden. Wieder kommt das gleiche Licht wie für die ersten Fotos zum Einsatz, wieder das 105er-Makro-Objektiv.




ABOUT
Wildlife- und Outdoorfotograf
Tim ist leidenschaftlicher Natur- und Outdoorfotograf mit besonderem Fokus auf Wildlifefotografie, sowohl Über- als auch Unterwasser. Er liebt es, die unberührte Schönheit der Natur einzufangen und einzigartige Momente für immer mit der Kamera festzuhalten: Seien es kämpfende Moschusochsen, jagende Marlins oder die Naturgewalt eines Gletschers.
Mit seinen Bildern und Videos erzählt er fesselnden Geschichten über die Natur, die Menschen daran erinnern, wie einzigartig und schützenswert unser Planet ist.