Meisterhafte Stilllife-Looks mit Blende F1.2
Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art
Von Eberhard Schuy


Vor einigen Wochen wurde ich gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte, einige Stilllife-Aufnahmen mit extrem geringer Tiefenschärfe zu fotografieren und dabei das Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art - Objektiv einzusetzen. Meine erste Überlegung war natürlich, wann das Arbeiten mit dieser extrem geringen Tiefenschärfe sinnvoll sein kann, denn die Besonderheit des Objektives kommt natürlich nur dann zu voller Geltung, wenn auch, etwas unüblich in der Studiofotografie, mit der Blendenöffnung 1.2 gestaltet wird.
Sofort fielen mir einige Aufnahmen ein, die ich bereits mit möglichst weit geöffneter Blende fotografiert hatte. Solche Aufnahmen, mit geringer Tiefenschärfe haben immer einen ganz klaren blickführenden Charakter. Alle Bildelemente in der unscharfen Abbildung verlieren die Details, führen den Blick zum scharf gezeigten Detail, und bekommen den Charakter einer präsentierenden Umgebung. So entsteht ein Bild mit einer eigenen Charakteristik, die man durchaus als einen speziellen Effekt bezeichnen kann.
Die Besonderheit bei solchen Aufnahmen liegt darin, dass, obwohl die Bereiche in der Unschärfe völlig verschwommen abgebildet werden, sie dennoch einen klaren Bezug zum scharfen Detail haben, also den Hero im Bild unterstützen und ihn nicht isoliert, wie bei Aufnahmen mit einfachen Studiohintergründen, darstellen. Die Gestaltung auch des unscharfen Bereiches ist also extrem wichtig für die allgemeine, gute Bildgestaltung. Gerade was Hell-Dunkel-Kontraste betrifft, die im Hintergrund eine besondere Aufmerksamkeit generieren können, sollte mit logischen und sich auf das Hauptmotiv beziehenden Gestaltungen gearbeitet werden.
Abbildungen mit markant geringer Schärfe sind also mit einem Effekt fotografiert, der kaum weitere, bewusst eingesetzte Effekte zulässt. Diese würden dann relativ schnell in Konkurrenz zum „Schärfeeffekt“ gehen und dem Bild eventuell einen sehr unruhigen Charakter verleihen. Gerade auch durch das deutliche Bokeh entsteht ja bereits eine sehr markante Freistellung der scharfen Bereiche.


Ideen zum Bild
Zwei unterschiedliche, typische Stilllife-Aufnahmen wollte ich also realisieren.
Zunächst eine Fotografie mit einem Schuh und Schnürsenkel auf sehr dunklem Hintergrund, ohne weitere Requisiten und sehr minimalistisch fotografiert, wobei die Gestaltung nur durch den besonderen Schwung des Schnürsenkels bestimmt ist. Auch hier ist nur das Ende des Schnürsenkels mit sehr geringer Tiefenschärfe abgebildet.
Eine zweite Fotografie sollte eine angedeutete, atmosphärische Aufnahme mit einem Getränk sein. Der unscharfe Hintergrund könnte einer Lifesituation entsprechen. Das Glas wird, nur auf einen Tautropfen fokussiert, so fotografiert, dass bereits ein flüchtiger Blick reicht, um dort einen klaren Blickfang zu generieren.
Schnürsenkel
Um bei der Präparation und der Biegung des Schnürsenkels bereits
Sicherheit zu haben, scribble ich bei solchen Bildern zuvor immer ein Layout. Das lässt mich nicht nur die Idee überprüfen, sondern gibt mir auch Aufschluss darüber, wie die Anordnung und die Gestaltung im Bild harmonisch wirken.
Das Layout ist dann die verbindliche Vorgabe für meine Fotografie. Wenn dies stimmig ist, muss ich es nur noch fotografieren, das erleichtert die Arbeit am Set sehr.


So ist der Schnürsenkel schnell präpariert. Ich habe einen starken Draht eingefügt und kann diesen bereits vorab ziemlich genau nach meinen Vorstellungen biegen. Mit etwas Erfahrung in der Stilllifefotografie erklärt sich nun der Setaufbau fast von selbst.
Zur Beleuchtung: Hier habe ich mich für eine kleine LED-Leuchte entschieden. Schließlich fotografiere ich mit Blende 1.2, ich sollte also keine Probleme durch zu geringes Licht bekommen. Zudem ist dadurch sehr einfaches Arbeiten an diesem kleinen Set möglich.




Nur mit einer Leuchte lässt sich so das Bild gestalten. Für einen kleinen
Reflex auf der Spitze des Schnürsenkels, reicht es dann, mit einer
Spiegelfolie zu arbeiten.
Im fertigen Aufbau lässt sich alleine durch Verlegung der Schärfeebene der Blick auf einzelne Details lenken.






Getränk
Bei dieser Aufnahme kommt etwas mehr Atmosphäre ins Spiel. Mit einem matten Spiegel links im Bild und dem sichtbaren Hintergrundlicht rechts entsteht eine fast räumliche Abbildung.
Durch das Verschwimmen des Hintergrunds, kann besonders bei der Studioarbeit mit entsprechenden Requisiten und Farben gearbeitet werden, die zu einem harmonischen Hintergrund verschmelzen. Der Blick wird dennoch auf die minimalistische „Kernabbildung“ geführt und führt zu einer Konzentration, einem Extrakt im Gesamtsujet.




Wichtig in diesem Bild ist die perfekte Positionierung des Tropfens, der zwar das Augenmerk deutlich auf sich lenkt, dennoch mit dem Gesamtbild, gestalterisch harmonisiert. Gesetzt wird der Tropfen mit einer Pipette auf einem präparierten und zuvor fein gesprühten Glas. Die Abbildung, der Reflex innerhalb des scharf abgebildeten Tropfens ergibt sich durch den Gesamtaufbau und hat bei einer solch reduzierten Schärfe eine eigene Bedeutung.


Fazit
Abseits der vielen Gestaltungsmöglichkeiten in der Fotografie bietet die
Arbeit mit möglichst weit geöffneter Blende gerade auch in der Studiofotografie einen eigenen Bereich in der Bildgestaltung. Der extrem kleine Schärfebereich kann für eine Freistellung sorgen und gleichzeitig die Umgebung oder Gesamtatmosphäre harmonisch einbinden und als Präsentationsfläche für minimale Bildbereiche dienen.