Repro-Fotografie mit dem Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art
Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art
Von Tilo Gockel


Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, wie wohl Kunstwerke farbecht und hochaufgelöst digitalisiert werden? Dann seid Ihr hier richtig!
Das neu entdeckte Kirchner-Kunstwerk
Wir schreiben das Jahr 1915. Der anerkannte Künstler und Expressionist Ernst Ludwig Kirchner plant, den vom Architekturbüro Curjel & Moser entworfenen kuppelüberwölbten Raum für eine Ausstellungshalle in Karlsruhe malerisch auszugestalten und skizziert dafür die Architekturelemente und die Fresken für die Innenwände. Dann scheitert das Vorhaben an den Wirren des Ersten Weltkrieges und verschwindet in der Schublade. Wir springen in unsere Zeit, in die Mitte des Jahres 2025. Die Roman Norbert Ketterer Stiftung schenkt dem KirchnerHAUS Museum Aschaffenburg 24 Kirchner-Arbeiten, unter ihnen den 84 x 84 cm großen Entwurf für den „Runden Raum“ in Karlsruhe. So entsteht der Wunsch nach einer hochqualitativen Digitalisierung des Gemäldes – nach einer Reproduktion, die sowohl farbverbindlich als auch hochauflösend alle Facetten des Acrylgemäldes einfängt, um sie dann im Anschluss in die virtuelle Realität übertragen zu können.
Die fotografische Reproduktion
Der geschilderte Anspruch an die fotografische Digitalisierung der Kirchner-Skizze bedeutet einen erhöhten Aufwand bei der Wahl der Kamera- und Optikkomponenten, bei der fotografischen Aufnahme und auch bei der weiteren Verarbeitung der Bilder.
Die Auswahl der Komponenten
Als hochwertige Optik kommt ein Objektiv von Sigma aus der Art-Serie zum Einsatz. Wir haben uns für das Sigma 50mm F1.2 DG DN | Art für Sony E-Mount entschieden, das durch seine aufwändige und kompromisslose Konstruktion besticht. Es enthält 17 Linsenelemente in 12 Gruppen, wobei vier der Linsen asphärisch sind.




Mit 17 Linsenelementen in 12 Gruppen kommt das Sigma aufwändig daher. Dennoch ist es der leichteste Vertreter seiner Klasse.
Das Licht und die Beleuchtung
In der klassischen Reprofotografie kommen meist entweder eine oder zwei diffuse Lichtquellen zum Einsatz. Wir wählen einen symmetrischen Aufbau mit zwei Lichtern (siehe das Setup-Foto) und kompensieren die leicht ungleichmäßige Ausleuchtung mittels einer Shading-Korrektur auf der Basis einer Referenzaufnahme einer ebenmäßigen Fläche. Details zur Shading-Korrektur findet Ihr bei Interesse auf fotopraxis.net.


Unser Aufbau besteht aus zwei Blitzen in großen Softboxen, die durch Diffusoren strahlen. Als Blitze kommen schlanke Profoto A10 zum Einsatz. Damit sie die großen Lichtformer optimal füllen können, sind die Blitze mit halbkugelförmigen Diffusorkappen bestückt.
Der komplette Aufnahme- und Verarbeitungsablauf
Eine wichtige Voraussetzung bei diesem Projekt ist ein farbverbindlicher Workflow. Solch einen Workflow realisiert man durch die Verwendung eines Kalibrier-Targets, wie es von den Firmen Datacolor oder X-Rite erhältlich ist. Mit diesem Target gibt man sowohl die Farbreferenz als auch die Referenz für den Weißabgleich vor – die Farbkorrektur und der Weißabgleich sind zwei unabhängige Schritte im Prozess.
Etwas knifflig ist nun, dass man bei Verwendung des Pixelshift-Verfahrens und beim Einsatz eines Kalibrier-Targets die Raw-Konvertierung zweimal vornehmen muss. Einmal muss man die Software Sony Imaging Edge Viewer als Raw-Konverter nutzen, um die 16 Raw-Dateien zu laden und zu fusionieren. Zum zweiten muss man aber auch bspw. Adobe Camera Raw verwenden, um die von der Datacolor-Software generierte XMP-Datei laden zu können. Das funktioniert nur, weil die Sony-Software in der Lage ist, neben dem TIFF-Format auch ein Rohformat als Ausgabeformat zu schreiben (das sog. ARQ-Format), welches Adobe Camera Raw lesen kann.


Für die Fusion der 16er-Bildserie zu einem einzigen High-Resolution-Bild kommt die Software Sony Imaging Edge Viewer zum Einsatz


Für die Ableitung der XMP-Kalibrierdatei verwenden wir die Software SpyderCheckr des Herstellers Datacolor
Ist das Bild dann in Photoshop geladen, kann man, wenn erforderlich, noch die Shading-Korrektur nachschalten. Sie dient dazu, in einem Schritt sowohl eine ungleichmäßige Beleuchtung als auch die Objektivvignettierung zu kompensieren. Als Basis für die Shading-Korrektur nimmt man anstelle des Kunstwerks ein reinweißes oder reingraues flächiges Motiv auf. Das kann die leere Wand sein oder auch, wie in unserem Falle, ein mattweiß lackiertes Sperrholzbrett. Im Anschluss legt man in Photoshop das Foto des Shading-Targets über die Bildebene mit dem Kunstwerk und stellt die Füllmethode der neuen Ebene auf Dividieren. Dann kontrolliert man, ob auch wirklich nur zu dunkle Bildbereiche verändert (aufgehellt) werden. Ist das nicht der Fall, muss man mittels einer Einstellungsebene Gradationskurve das Bild des Shading-Targets aufhellen (Details und Beispiel siehe www.fotopraxis.net). Die von uns gewählte Beleuchtung ist tatsächlich so homogen, dass man die Shading-Korrektur auch überspringen könnte.


Unser Shading-Korrektur-Target ist ein mattweiß lackiertes Sperrholzbrett, das exakt an die Stelle des Bildes rückt.
Im Ablaufdiagramm findet Ihr alle erforderlichen Schritte zusammengetragen. Es wird schnell klar, dass Reproaufnahmen technisch nicht trivial sind. Wenn Ihr auch einmal vor einer solchen Aufgabe steht, würde ich raten, zum einen im Vorfeld den Ablauf einmal trocken durchzuspielen und zum anderen dann zum Fototermin auch solch ein Ablaufdiagramm zu den erforderlichen Aufnahmen mitzunehmen. Schnell verliert man sonst im Eifer des Gefechts den Überblick.


Der komplette Aufnahmeablauf. Man sieht, dass die Reprofotografie technisch nicht trivial ist. Ein paar Überlegungen und Tests im Vorfeld sind ratsam.
Technische Besonderheiten
Unser Projekt hat im Verlauf noch einige unerwartete technische Besonderheiten aufgezeigt. So mussten die Blitze bei der Pixelshift-Aufnahmeserie 16-mal in schneller Folge ohne Aussetzer feuern. Mit großen Studioblitzen ist das kein Problem, doch hier kamen die in der Blitzenergie etwas schwächeren Profoto A10 zum Einsatz. Tatsächlich haben diese Speedlights aber auch noch auf Stufe 8 von 10, also auf 1/4 der maximalen Blitzenergie, zuverlässig gefeuert und keinen einzigen Aussetzer produziert.
Weiterhin schaltet die verwendete Sony Alpha 7RV im Pixelshift-Modus wie angesprochen auf den elektronischen Shutter um, um die Erschütterung durch den mechanischen Shutter zu vermeiden. Da in dieser Kamera aber ein Rolling Shutter verbaut ist, verlängert sich damit die kürzestmögliche Blitzsynchronzeit. Sie beträgt dann nicht mehr um die 1/200 Sekunde, sondern nur noch 1/8 Sekunde. Hier ist die Gefahr gegeben, dass man störendes Raumlicht ins Bild holt. Um das zu vermeiden, sollte man für jede Serie zwar mit Raumlicht vorfokussieren, aber dann für die Aufnahme den Raum komplett abdunkeln.


Das Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner mit einigen Detailvergrößerungen. Das ungewöhnliche Format des Kunstwerks ist der geplanten Verwendung als „Abwicklung“ in Kirchners Projekt Der runde Turm geschuldet.
Danksagung: Dieser Blog-Artikel ist eine gekürzte, redigierte Version eines Artikels im Magazin c’t Fotografie (Ausgabe 02/2026).
Wir danken dem Heise-Verlag und dem betreuenden Redakteur Thomas Hoffmann für die freundliche Überlassung.


ABOUT
Wildlife- und Outdoorfotograf
Tilo Gockel hat in Karlsruhe in der Bildverarbeitung promoviert, bereits mehrere Fachbücher zur Fotografie veröffentlicht und hält seit Jahren die zweiteilige Fotografie-Vorlesung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. Er fotografiert und schreibt für die Magazine digit!, fotoMAGAZIN, PHOTOGRAPHIE, DOCMA, c‘t Digitale Fotografie und DigitalPHOTO. Auf seinem Blog Fotopraxis.net informiert er rund um die Fotografie, die Bildbearbeitung und mittlerweile auch die KI, gibt viele Tricks weiter und schneidet auch gerne einmal alte Zöpfe ab.
