Unterwegs im Zillertal: Warum weniger manchmal einfach mehr ist
Sigma 20–200mm F3.5–6.3 DG | Contemporary
Von Christiane Hube


Wer gerne in den Bergen wandert, kennt das ewige Dilemma vor dem Packen: Schleppt man die schwere Tasche mit drei verschiedenen Festbrennweiten den Hang hinauf oder gibt man sich mit einem Reise-Zoom zufrieden? Für meinen Roadtrip durch das Zillertal habe ich mich für eine radikale Minimierung entschieden und nur ein einziges Objektiv eingepackt: das Sigma 20-200mm F3.5-6.3 DG | Contemporary.
Eine Linse für alles, vom Ultraweitwinkel bis zum Tele. Ich war ehrlich gesagt erst etwas skeptisch, ob das nicht ein Fehler ist. Doch im Nachhinein war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.




Wenn das Wetter alles gibt
Schon beim Aufstieg zur Grieralm wurden wir mit absolutem Kaiserwetter belohnt. Morgens schien die Sonne noch in voller Pracht, was uns ordentlich ins Schwitzen brachte. Doch oben angekommen, entschädigte die Aussicht für jeden Schritt. Glücklicherweise zog sich der Himmel dann blitzschnell zu. Statt der harten Schatten zur Mittagszeit, schenkten uns die Wolken ein wunderbar weiches Licht. Mit den 20 mm ließ sich die weite Landschaft super einfangen. Das diffuse Licht hat den Wiesen eine richtig gute Struktur und Tiefe gegeben.




Ganz anders präsentierte sich das Stilluptal: Tiefblaues Wasser, tosendes Rauschen und Sonne pur bei über 25 Grad. Genau für solche Tage ist ein Reisezoom Gold wert. Statt einer Tasche voller Festbrennweiten hatte ich nur das eine Objektiv drauf. Das spart nicht nur Gewicht im Rucksack (was bei der Hitze echt ein Segen war), sondern macht einen beim Fotografieren auch super flexibel. Einfach im Gehen den Bildausschnitt anpassen, ohne dass die Ausrüstung zur Qual wird.




Schnell, flexibel und trocken bleiben
Wie viel wert so ein flexibler Brennweitenbereich wirklich ist, zeigte sich oben am Penkenjoch (wo wir an diesem Tag mal faul waren und die Seilbahn genommen haben). In einem Moment hältst du noch das traumhafte Panorama am Speichersee im weiten Überblick fest, im nächsten Augenblick reicht ein kurzer Dreh ins Tele, um einen Paraglider direkt nach dem Start heranzuholen. Bis ich da die Linse gewechselt hätte, wäre der Moment längst vorbei gewesen.


Ein echtes Highlight war für mich die mechanische Verriegelung. Wer zum Beispiel schon mal in der Wolfsklamm war, weiß, wie steil und eng es da zugeht. Dank der Sperre blieb die Brennweite genau da, wo sie sein sollte, anstatt dass der Tubus ständig von alleine ausfährt (Stichwort: Lens Creep). Gerade an den richtig schmalen Ecken war ich heilfroh, dass das Objektiv kompakt blieb und ich nicht Gefahr lief, irgendwo dran zu schrammen oder hängenzubleiben.




In der Leitenkammerklamm wurde es dann richtig spannend. Fotografisch war die Klamm manchmal eine echte Nuss, die es zu knacken galt: Durch den extremen Platzmangel zwischen den Felswänden war es teilweise knifflig, das tosende Wasser irgendwie aufs Bild zu bekommen. Dank der 20 mm Weitwinkel hat es aber selbst in den engsten Ecken geklappt. Gleichzeitig war ich verdammt froh über den flexiblen Zoom. Während ich in einem Moment noch die wilden Wassermassen einfing, reichte ein kurzer Dreh, um direkt an den Wegesrand heranzuzoomen. Die weichen Lichtverhältnisse waren ideal für ein paar coole Nahaufnahmen, um die kleinen Details wie Farn und Blätter knackig scharf festzuhalten.




Richtig ungemütlich wurde es dann an den Krimmler Wasserfällen. Zur massiven Gischt gesellte sich echter Dauerregen. Wir standen permanent mitten im Wasser und vor wirklich jedem einzelnen Foto hieß es erst einmal: Linse trockenwischen. Die Kamera wurde ordentlich nass, hielt aber zum Glück problemlos stand. Bei diesen gigantischen Kaskaden war ich heilfroh über die 20mm Weitwinkel, um die schiere Wucht des Wassers aufs Bild zu bekommen.


Das ungeplante Finale in „Klein Tibet“
Am Ende des Zillergründls wartete das absolute Finale auf uns: „Klein Tibet“. Allerdings ganz anders als erwartet. In der Nacht zuvor hatte es geschneit und auf 1.800 m Höhe war plötzlich alles weiß. Ich war eigentlich im Kopf schon fertig mit dem Winter und hatte mich so auf die Almwiesen dort gefreut. Die Dame an der Mautstelle riet uns sogar davon ab, überhaupt hochzufahren.


Aber wir dachten uns: Was soll schon passieren? Mehr als umdrehen und die 15 Euro in den Wind schießen können wir ja nicht. Also ging es rauf. Zum Glück! Der Kontrast der bunten Gebetsfahnen vor den frisch verschneiten Bergen war ein genialer Farbtupfer und ein perfekter Abschluss für den Trip.




Mein Fazit: Am Anfang stand die leise Panik: Schaffe ich es wirklich, mich auf ein einziges Objektiv zu beschränken, ohne im Nachhinein die verpassten Fotochancen zu bereuen? Nach diesem Roadtrip durch das Zillertal kann ich ganz klar sagen: Weniger ist in den Bergen definitiv mehr. Vom spontanen Weitwinkel-Panorama bis zum knackigen Detail am Wegesrand und als krönender Abschluss die bunten Gebetsfahnen im unverhofften Schnee von „Klein Tibet“ - diese Linse hat alles mitgemacht.
ABOUT
Landschaftsfotografin
Christiane Hube entdeckte schon früh ihre Leidenschaft für die Fotografie. Seit 2017 widmet sie sich vor allem der Landschaftsfotografie und hält dabei die leisen, oft übersehenen Momente der Natur fest. Mit der Zeit fand ihre Arbeit auch auf Social Media immer mehr Anklang, sodass sie die Fotografie und das Bloggen inzwischen im Nebengewerbe betreibt. Am liebsten ist Christiane in den Mittelgebirgen Deutschlands unterwegs – besonders im Harz und in der Sächsischen Schweiz, die sie beide als ihre zweite Heimat empfindet. Ihr besonderes Augenmerk gilt dem Zusammenspiel von Licht, Wetter und Stimmung – vor allem, wenn Nebel über die Wälder zieht und die Landschaft in eine geheimnisvolle Atmosphäre taucht.